Eine rätselhafte Krankheit – die Mutterkornvergiftung (Ergotismus)

Getreide, vor allem Roggen, weniger Weizen, wird auch heute noch von Mutterkorn befallen, wenn auf einen kalten, trockenen Winter ein feuchtes Frühjahr folgt. Das Mutterkorn (secale cornutum) ist die Dauerform des Schlauchpilzes 'Claviceps purpurea Tulasne'. Wenn, wie es früher häufig geschah, nach Missernten große Mengen des von Mutterkorn befallenen Getreides mit vermahlen und verzehrt wurden, konnte es zu einer seuchenartigen Erkrankung kommen, die ein Chronist aus dem 11. Jh. so beschreibt: »Viele, deren Inneres das heilige Feuer verzehrte, verfaulten an ihren zerfressenen Gliedern, die schwarz wie Kohle wurden. Sie starben entweder elendig oder setzten ein elenderes Leben fort, nachdem die verfaulten Hände und Füße abgetrennt waren. Viele aber wurden von nervösen Krämpfen gequält.«

Hier sind zwei Formen beschrieben, in denen die Krankheit auftreten kann: Der Mutterkornbrand (Ergotismus gangraenosus) und die Krampfseuche (Ergotismus convulsivus), auch Kriebel- oder Kribbelkrankheit genannt. Bei der ersten Form verengen sich die Blutgefäße, die Gliedmaßen werden brandig, stoßen sich oft von selbst ab oder müssen amputiert werden; bei der zweiten Form kommt es zu Kontraktionen von Muskelgruppen, zu veitstanzähnlichen Anfällen, zu brennenden Schmerzen, weswegen die Krankheit auch "ignis sacer" heiliges Feuer oder Antoniusfeuer genannt wurde.Die Ursache der Mutterkornvergiftung wurde erst im 17. Jh. erkannt. Bis dahin war eine Heilung kaum möglich. Die Therapie beschränkte sich auf die Pflege und auf evtl. notwendige chirurgische Maßnahmen.

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