Der Antoniter-Orden


Mutterkorn in Roggenähre
(Foto: Dominique Jacquin -
Lizenz: frei).
Getreide, vor allem Roggen, weniger Weizen, wird auch heute noch von Mutterkorn befallen, wenn auf einen kalten, trockenen Winter ein feuchtes Frühjahr folgt. Das Mutterkorn (secale cornutum) ist die Dauerform des Schlauchpilzes 'Claviceps purpurea Tulasne'. Wenn, wie es früher häufig geschah, nach Missernten große Mengen des von Mutterkorn befallenen Getreides mit vermahlen und verzehrt wurden, konnte es zu einer seuchenartigen Erkrankung kommen, die ein Chronist aus dem 11. Jh. so beschreibt: »Viele, deren Inneres das heilige Feuer verzehrte, verfaulten an ihren zerfressenen Gliedern, die schwarz wie Kohle wurden. Sie starben entweder elendig oder setzten ein elenderes Leben fort, nachdem die verfaulten Hände und Füße abgetrennt waren. Viele aber wurden von nervösen Krämpfen gequält.«



Opfer des Ergotismus gangraenosus: Ausschnitt
aus »Bettler und Krüppel« von Hieronymus Bosch
(Königliche Bibliothek Brüssel,
Bildarchiv Günter Engel).
    Hier sind zwei Formen beschrieben, in denen die Krankheit auftreten kann: Der Mutterkornbrand (Ergotismus gangraenosus) und die Krampfseuche (Ergotismus convulsivus), auch Kriebel- oder Kribbelkrankheit genannt. Bei der ersten Form verengen sich die Blutgefäße, die Gliedmaßen werden brandig, stoßen sich oft von selbst ab oder müssen amputiert werden; bei der zweiten Form kommt es zu Kontraktionen von Muskelgruppen, zu veitstanzähnlichen Anfällen, zu brennenden Schmerzen, weswegen die Krankheit auch »ignis sacer«, heiliges Feuer oder Antoniusfeuer genannt wurde.Die Ursache der Mutterkornvergiftung wurde erst im 17. Jh. erkannt. Bis dahin war eine Heilung kaum möglich. Die Therapie beschränkte sich auf die Pflege und auf evtl. notwendige chirurgische Maßnahmen.

2 Die Antoniter – von der Laienbruderschaft zum Chorherrenorden


Die wichtigsten Niederlassungen der Antoniter in Europa, aus:
Mischlewski, A.: Un ordre hospitalier au Moyen Age. Grenoble 1995, S. 4.
Im letzten Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts wurden weite Teile Westeuropas häufig von einer heute vergessenen Krankheit heimgesucht, die man "ignis sacer" - heiliges Feuer, Antoniusfeuer - nannte und die durch Getreide hervorgerufen wurde, das von Mutterkorn vergiftet war. Da man die Ursachen nicht kannte, war eine medizinische Heilung zu dieser Zeit noch nicht möglich. So blieb für die Menschen nicht viel mehr, als sich an vertraute Heilige um Hilfe zu wenden. Der hl. Antonius war zunächst nur einer unter vielen, die man anrief. Aber durch eine Wunderheilung, die in seinem Namen geschah, wurde er d e r Wundertäter gegen diese Krankheit. Der Ort, an dem sich das ereignet hatte - er nannte sich später Saint-Antoine und liegt in Südfrankreich ca. 40 km nordwestlich von Grenoble - wurde daraufhin das Ziel zahlreicher Hilfe suchender Pilger. Der Ansturm der vielen Menschen, die ja meist mittellos waren, brachte für den Ort natürlich große Probleme. Da waren es Laien aus der Umgebung, Adelige, Nichtadelige, Verheiratete und Ledige, Männer und Frauen, die sich um das Jahr 1095 zu einer Bruderschaft zusammenfanden, um den Bedürftigen zu helfen. Dabei muss man annehmen, dass zunächst nicht an eine ständige Einrichtung gedacht war. Aber der weitere starke Zustrom Hilfesuchender erforderte wenig später schon ein eigenes Haus, das den Namen 'domus elemosinaria ' (= Haus des Almosens) erhielt. Durch ihre therapeutischen Erfolge entwickelte sich die Bruderschaft in einem atemberaubenden Tempo, indem schon zu Zeiten der ersten Generation weitere auswärtige Hospitäler entstanden, zunächst in Frankreich, dann aber auch in Italien und Flandern. Um 1200 wurden die Antoniter nach Deutschland gerufen und gründeten in Roßdorf bei Hanau ihr erstes Hospital. Bereits 1175 gaben sich die Ordensbrüder und -schwestern als gemeinsames Zeichen das blaue Tau, das wahrscheinlich eine stilisierte Krücke der Krüppel symbolisiert.

    Die weitere Ausdehnung der Bruderschaft in ganz Europa verlangte allmählich nach einer festen Ordnung, die mehrfach von der Kirche dringend angemahnt wurde, so dass sich die Laienbruderschaft 1247 zunächst als Orden konstituierte. 1293 schließlich wurde Saint-Antoine zur Abtei erhoben und direkt dem Papst unterstellt. Damit war auch das Ende für die Laienschwestern gekommen, denn ein zweiter Orden für die Frauen wurde nicht gebildet.

3 Die Hospitäler der Antoniter


Operationsszene in einem Antoniter-Hospital.
Kolorierter Holzschnitt aus Hans von Gersdorffs
„Feldtbuoch der Wundtartzney“, Straßburg 1517.
Die Statuten des Ordens schrieben vor, dass jeder auf Lebenszeit in einem Ordenshospital aufzunehmen sei, der am Antoniusfeuer, der Mutterkornvergiftung, erkrankt oder durch diese Krankheit zum Krüppel geworden war. Voraussetzung war, dass er den hl. Antonius um Hilfe angerufen hatte - dies geschah z.B. an einem Altar mit seinem Bild –, und nach einer vorherigen Krankheitsschau, an der neben Ärzten sämtliche Kranken des Hospitals teilnahmen. Die Aufzunehmenden mussten ihren Besitz der Ordensgemeinschaft übereignen und Gehorsam sowie ehrbares Verhalten versprechen, wobei besonderer Wert auf Keuschheit gelegt wurde. Auch bekamen sie eine dem Ordenskleid ähnliche Tracht, so dass sie nach Eintritt in das Hospital quasi des Status von Ordensleuten annahmen. Das beinhaltete auch die Teilnahme an allen Spitalgottesdiensten und anstelle der kirchlichen Tagesgebete musste eine bestimmte Anzahl von Vaterunser und Ave-Maria gebetet werden.

    Die Spitäler der damaligen Zeit sind mit unseren heutigen Krankenhäusern nicht zu vergleichen, denn sie dienten nicht nur den Kranken, sondern waren gleichzeitig auch Pilgerherberge, Obdachlosenheim oder Waisenhaus. Ihre Größe war eher bescheiden, zumal bei den Antonitern mit ihrer Beschränkung auf das Antoniusfeuer. So dürfte die Zahl der Kranken meistens kaum 10 überschritten haben; in Memmingen sind jedoch zweitweilig 20 nachgewiesen. Da der kausale Zusammenhang zwischen Mutterkorn und Antoniusfeuer noch nicht bekannt war, musste sich die Therapie allein auf die Pflege beschränken. So gab man den Kranken zunächst einwandfreies Brot, wahrscheinlich Weizenbrot, da Weizen nicht so häufig von Mutterkorn befallen wird. Dabei war man unbewusst bereits auf dem richtigen Weg, weil hierdurch schon einmal die Zufuhr toxischer Stoffe unterbunden war. Dann reichte man ihnen den Antoniuswein, der mit den Antoniusgebeinen in Berührung gebracht und mit laxierenden, schmerzstillenden und gefäßerweiternden Kräutern versetzt worden war. Ferner wurde zur Versorgung der Wunden der Antoniusbalsam verwendet, der ebenfalls mit heilenden Kräutern bereitet wurde. Die allgemeine medizinische Versorgung wurde durch eigene Ärzte im Hospital vorgenommen, für notwendige Amputationen zog man gute auswärtige Chirurgen heran.

4 Die Sammlungen der Antoniter – der Quest und die Antoniusschweine


Am „Antoniusfeuer“ Erkrankter. Holzschnitt aus Hans von Gersdorffs
»Feldtbuoch der Wundtartzney«, Straßburg 1517
Der zunehmende Strom der Pilger nach Saint-Antoine, das Wachstum der Spitalbruderschaft und die rasche Zunahme der Außenstellen mussten sehr bald die finanziellen Möglichkeiten der Antoniter überfordern. Seit dem 11. Jahrhundert war in Frankreich der Brauch aufgekommen, Sammlungen für den Bau von Kirchen dadurch zu erleichtern, dass die umherziehenden Almosenbitter Reliquien mit sich führten. Diesen Usus griffen die Antoniusbrüder auf und wendeten ihn erstmals für karitative und Ordenszwecke an. Die Sammelfahrten wurden im Laufe der Zeit immer mehr ausgebaut und erreichten schließlich einmal im Jahr alle Pfarreien der abendländischen Christenheit. Die Sammlungen, auch Quest genannt, wurden von den Päpsten immer wieder empfohlen und mit Privilegien versehen. Die Ankunft des "Antoniusboten", d.h. eines Antoniters oder eines vom Orden beauftragten Priesters, der dann das Ordenszeichen, das blaue Tau anzulegen hatte, wurde vorher angekündigt und der Tag dann in der Gemeinde wie ein Sonntag begangen, indem eine Predigt gehalten und eine Segnung mit den Antoniusreliquien erfolgte. Anschließend sammelte der Antoniusbote die Gaben ein, zumeist Münzen, aber auch in einer Zeit überwiegender Naturalwirtschaft in Form von haltbaren Lebensmitteln. Allerdings war es angesichts der schlechten Transportverhältnisse nur bei wenigen hochwertigen Produkten sinnvoll, sie über weite Strecken zu verschicken; zu ihnen zählten in erster Linie Käse und geräuchertes Fleisch. So kam man auf die Idee, Ferkel spenden zu lassen, die dann, mit einer Schelle am Hals oder am Ohr als Eigentum des Ordens gekennzeichnet, von der Allgemeinheit ernährt wurden, d.h. im Wesentlichen von Küchenabfällen. Im Winter, oft am Antoniustag, dem 17. Januar, wurden sie geschlachtet oder verkauft und die geräucherten Schinken oder der Erlös dem Antoniusorden übergeben.

    Der hl. Antonius, mit dem Schwein zu seinen Füßen, wurde  d a s  Markenzeichen der Antoniter und ein häufiges und beliebtes Motiv in der bildenden Kunst.

5 Der Chorherrenorden bis zur Auflösung

Die Organisation des Ordens war ganz zentralistisch aufgebaut mit dem Abt in Saint-Antoine an der Spitze, dem die Häuser in allen Ländern unterstanden. Diese nannten sich Präzeptoreien und wurden von Präzeptoren geleitet, die lange Zeit nur aus Frankreich, aus dem Kerngebiet der Dauphiné kamen. Zum jährlichen Generalkapitel, das anfangs am 17. Januar, dem Festtag des hl. Antonius stattfand - später, wegen der beschwerlichen winterlichen Anreise, an Himmelfahrt -, mussten alle Präzeptoren in Saint-Antoine erscheinen. Hier wurden Entscheidungen gefällt über die Ernennung der Präzeptoren, die Aufnahme von neuen Brüdern, aber auch über finanzielle und verwaltungsmäßige Probleme. Am Ende des 15. Jahrhunderts zählte man mehr als 370 Präzeptoreien und Häuser der Antoniter in Europa - von Portugal bis Ungarn, von Italien bis Dänemark. Der Höhepunkt der allgemeinen Anerkennung war wohl die 1502 erfolgte Verleihung eines Wappens durch Kaiser Maximilian; es zeigt den Reichsadler mit einem goldgekrönten Schild auf der Brust, das mit einem blauen Tau-Kreuz besetzt ist. Danach brachte die Reformation den ersten großen Einschnitt, viele Präzeptoreien in evangelisch gewordenen Landesteilen Deutschlands wurden aufgehoben. Hinzu kam, dass infolge wachsenden Wohlstands und geänderter Essgewohnheiten das Antoniusfeuer verschwand und den Antoniterspitälern, die sich ja von Anfang an ausschließlich dieser Krankheit gewidmet hatten, damit die Existenzberechtigung genommen wurde. So verfügte Papst Pius VI. am 17. Dezember 1776 die Inkorporation der Antoniter in den Malteserorden. Nur zwei Häuser in Deutschland vollzogen den Anschluss nicht mit, Köln und Höchst. Diese wurden dann während der Säkularisation aufgehoben, Köln 1802, Höchst 1803.


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